Heute in Zingst

Im Interview spricht Kuratorin Edda Fahrenhorst über die inhaltlichen Herausforderungen des 14. Umweltfotofestivals – nach einem Jahr Pandemie-Erfahrung.

„In meiner Arbeit – und nicht nur da – dreht sich alles um die Fotografie“, bekennt Edda Fahrenhorst. An der Seite von Klaus Tiedge war sie bereits zwei Jahre als Co-Kuratorin des Festivals tätig. Die Hamburgerin bringt also viele Kenntnisse mit, um Hand in Hand mit dem Festival-Team in Zingst am 14. Umweltfotofestival»horizonte zingst« zu arbeiten.

horizonte zingst: Welche inhaltlichen Herausforderungen bringt das Festival 2021 mit sich?

Edda Fahrenhorst: Die Herausforderung für das kommende Festivaljahr liegt darin, dass sich die Welt innerhalb der letzten Monate in einer beträchtlichen Geschwindigkeit verändert hat. Themenschwerpunkte, Wahrnehmungen, ein generelles Sicherheitsgefühl, Kommunikation und vieles mehr haben sich verschoben.

Aber was heißt das für ein Umweltfotofestival? Für uns stand nicht die Frage im Mittelpunkt, ob wir uns weiter dem Thema Umwelt widmen – das ist für uns eine Selbstverständlichkeit, da das Thema seine Brisanz behält, beziehungsweise immer dringender wird – sondern die Frage, wie wir für unser Publikum nach einem Jahr Pandemie-Erfahrungen das Thema aufbereiten.

Zeigen wir fotografisch ablenkende, schöne, entspannende, friedliche und freundliche Aspekte der Welt?

Oder nehmen wir die neue Gewissheit auf, dass wir alle verletzlich sind, dass wir aber sowohl als Individuum als auch alle gemeinsam und sehr aktiv etwas gegen eine nicht greifbare Bedrohung tun können? Also eine Gewissheit, die direkt auf das Thema Umwelt übertragbar ist?

Wir werden in den Ausstellungen beide Standpunkte einnehmen, wobei wir aber vor allem daran interessiert sind, nicht leichtfertig an unser Thema heranzugehen, sondern wir sind an einem ernsthaften Dialog in alle Richtungen interessiert. Wollen dabei aber auch ebenso unterhalten.

Übersetzt in Fotostrecken heißt das für das kommende Festival: Wir zeigen die Schönheit. Und wir zeigen, wie schnell sie kaputt gehen kann. Wir zeigen, wie Lebensräume bedroht werden. Aber auch, welche Wunder es in der Natur gibt. Der Mensch spielt eine große Rolle, als Genießer, Forscher, Gefährdeter und Gefährder. Und vielleicht sogar als Hoffnungsträger.

»Wasser« ist das Leitthema des Festivals 2021 – was hat es damit auf sich?

Wir gehen 2021 in das vierzehnte Festivaljahr und in den besagten vierzehn Jahren hat sich der Blick auf das Thema Umwelt oder auch deren Schutz deutlich geschärft.

Zu Anfang stand unter der Ägide von Kurator Klaus Tiedge – der das Festival, dessen Begrifflichkeit des „Umweltfotofestivals“ und dessen entsprechende Ausrichtung 2008 aus der Taufe gehoben hat – fotografisch die Frage der Beziehung des Menschen zur Umwelt im Mittelpunkt. Und damit die Idee, zu zeigen, was es zu erhalten gilt.

Im Laufe der Jahre rückte ein allgemeines Bewusstsein für den Umweltschutz gesellschaftlich immer weiter in den Fokus und das Festival ging entsprechend mit – Schwerpunkte wie der Artenschutz, die Plastikvermüllung der Meere oder auch der Klimawandel hielten Einzug.

Mittlerweile ist die Brisanz des Themas nicht mehr diskutierbar. Die Klimakrise ist äußerst real. Und bei genauerer Betrachtung auch für jeden einzelnen Menschen bedrohlich und elementar.

Und unter dem Stichwort „elementar“ haben wir darüber nachgedacht, unter welchem Oberthema wir die vielen Aspekte, die in der Diskussion und auch öffentlichen Wahrnehmung mittlerweile eine Rolle spielen vereinen können. So entstand unser Leitthema 2021: Wasser – Ursprung, Element, Ressource, Leben.

Wo liegen die Schwerpunkte Ihrer Arbeit?

In meiner Arbeit (und nicht nur da) dreht sich alles, wirklich alles, um die Fotografie – gute Fotografie kann politisch, lustig, mahnend, poetisch, intellektuell, unterhaltend, kontrovers, leicht, schön oder auch schwer sein.

Gute Fotografie kann auf so vielen Ebenen so viel, gute Fotografie ist Kommunikation pur. Gute Fotografie mit all diesen Eigenschaften vertritt eine Meinung, bezieht Stellung. Gute Fotografie nimmt uns mit in Welten und Ideen, die uns unbekannt oder einfach anders gesehen sind.

Und darum geht es für mich auch in der Arbeit mit Fotografie in Zingst: Wie übersetzt Fotografie – oder vielmehr die Fotografinnen und Fotografen – Themen in Bilder und wie können diese Bilder gezeigt werden, damit sie einen Meinungsaustausch, einen Dialog befeuern. Damit sie begeistern, inspirieren, Neugierde wecken, Horizonte erweitern oder einfach nur gute Geschichten erzählen.

Wie sieht eigentlich Ihre Arbeit in Zingst – von der Idee bis zur fertigen Ausstellung – ganz konkret aus?

Das ist ein langer Prozess, an dem ein ganzes Team arbeitet.

Fangen wir mit dem Leitthema an – entlang dieses Themas geht es zuerst einmal an die Recherche: Wer hat was, wo und wie zum Thema fotografiert. Dann geht es an die Auswahl der Ausstellungsplätze – nicht jede Arbeit ist für jeden Ort geeignet, da gibt es eine Menge Aspekte zu beachten und abzuwägen, da rauchen die Teamköpfe mitunter gewaltig. Im nächsten Schritt dann wird bei den Fotografinnen und Fotografen durchgeklingelt – dieser Punkt ist großartig, besonders in diesem trüben, hoffnungsschwierigen Jahr.

Als nächstes geht es dann in die Arbeit mit den Bildern – gerne auch im engen Austauschmit den Fotografinnen und Fotografen. Es wird gesichtet, gesprochen, geplant, geschoben, an die Wände platziert, gesprochen, geschoben… So lange bis alles inhaltlich und stilistisch sitzt.

Dann muss natürlich noch Text her – Projekt, Lebenslauf, Bildunterschriften, Webtexte, Katalog, Programmguide, Interviews… All das produzieren wir an den Ausstellungen entlang. Dann gehen Ausstellungsplan und Bilddaten an die Kolleginnen und Kollegen, die aufarbeiten, anpassen, bearbeiten, anlegen, drucken (teilweise lassen) und letztlich an die Wändehängen. Halleluja.

An diesem gesamten Prozess, den wir für jeden Ausstellungsbeitrag in Einzel- oder Gruppenausstellungen genau so durchlaufen – für das Jahr 2021 also etwa 30-40 mal – arbeitet das komplette Zingster Fotografie-Team das ganze Jahr über Hand in Hand. Und übrigens nicht nur daran – es gibt auch noch die Fotoschule, den Fotomarkt, die Multivisionsshows, Vernissagen, Fotografinnen- und Fotografengespräche…

All das ist exakt so viel Arbeit, wie es sich anhört. Aber funktioniert im Miteinander und mit wahnsinnig viel Herzblut, Leidenschaft und Liebe zur Fotografie!

Die Vorfreude bei allen auf das Festival 2021 ist entsprechend sehr, sehr groß – die Kaltgetränke am Strand mit Gleichgesinnten locken natürlich außerdem.

Das Interview führte Nina Hesse per E-Mail.

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