Kurzprogramm

200 Künstler hat Stefan Falke in den vergangenen 12 Jahren fotografiert: „Es geht in meinem Projekt um das Aufzeigen von Kultur und Humanität in der Region.“

Die Kunst ist in allen Genres und Ausprägungen immer ein Ausdruck dessen, was in einem Menschen vorgeht und dessen, was um ihn herum geschieht. Kunst ist Reflexion, Meinung,Kultur, Emotion, Intellekt, Humor, gedankliche Freiheit. Sobald allerdings die äußeren Lebensumstände schwieriger werden wird es schnell zum Kraftakt, für die und von der Kunst zu leben. Warum sich Menschen dennoch und oft aller Widerstände zum Trotz dafür entscheiden und welche kreativen, kulturellen und verbindenden Kräfte dabei freigesetzt werden können, davon erzählt die Arbeit „La Frontera – Künstler entlang der US-mexikanischen Grenze“ von Stefan Falke.

Zingst: Warum, wie und wann haben Sie die Arbeit an „La Frontera“ begonnen?

Stefan Falke: Mein Projekt fing Anfang November 2008 an, Obama hatte gerade die Wahl zum US Präsidenten gewonnen und in Mexiko wurde der “Dia de los Muertos” gefeiert.

Ich bin Jahrgang 1956 und im damals westdeutschen Paderborn aufgewachsen. Das Wort„Grenze” ist damit natürlich fest in meinem Wortschatz verankert. Die innerdeutsche Grenze bedeutete Teilung, „wir gut die schlecht”, Einseitigkeit, Tod oder Gefängnis jenen, die sie überqueren wollten. Gefangenenaustausch ab und zu. Keine natürliche Grenze.

Mein Interesse galt allerdings seit jeher mehr der Umgebung von Grenzen, als an der Grenze selbst. Es hat mich gleich nach dem Abitur nach Aachen gezogen, ins Dreiländereck. Ich hatte schon immer die Menschen beneidet, die in einem (natürlichen) Grenzgebiet wohnen, wo der Austausch von Kultur und Sprache stattfindet. In dem Sinne war Aachen der Himmel auf Erden für mich. Eine wahrlich „andere” Grenzregion.

Die innerdeutsche Grenze allerdings war von einer abweisenden, abgrenzenden Natur, aber auch dort gab es – zumindest in Berlin – eine kulturelle Kreativität, die mich immer sehr angezogen hat. Ich habe dort nie wohnen wollen, besuchte die Stadt aber sehr oft. Ich fuhr nur einmal nach Ost-Berlin und der Eindruck war ziemlich schockierend. Grau ist, was mir alsErinnerung bleibt. Alles grau.

Damals jedenfalls. Als ich 2002 nach New York zog, war dort die US-mexikanische Grenze ein ständiges Gesprächsthema in den Medien, ähnlich wie ich es von der innerdeutschen Grenze gewohnt war: Teilung, „wir gut die schlecht”, Einseitigkeit, Tod oder Gefängnis jenen die sie überqueren wollten. Die sogenannten Drogenkriege wurden immer gewalttätiger. Die langsame Militarisierung der Grenze schritt voran und die Nachrichten von der Region wurden immer negativer. Die Medien und Politiker setzten alles daran diese Gegend zu „verteufeln”. Mein Interesse war geweckt, auch wegen der zwei so unterschiedlichen Kulturen und Sprachen,die sich dort mischen. Auch diese Grenze ja keine natürliche Grenze, sie steht auf historisch mexikanischem Boden.

Ich wollte eigentlich anfangs nur Künstler auf der mexikanischen Seite der Grenze fotografieren, um zu dokumentieren, dass es auch über positive Seiten einer Region zu berichten gibt, die die Medien und meisten Politiker mit rein negativen Schlagzeilen beschrieben.Schnell stellte sich heraus das La Frontera eine Region auf beiden Seiten der Grenze ist, mit einem sehr regen kulturellen Austausch, egal wie engmaschig der Grenzzaun an manchenStellen auch sein mochte. Nach einigen Besuchen zuerst in Tijuana weitete sich mein Projekt schnell beidseitig aus. Natürlich damit ein sehr großes Unterfangen. Was anfangs nicht machbar aussah, ist über die Jahre zu einem machbaren Projekt gewachsen da ich nun schon seit 12 Jahren stückweise an dem Thema arbeite.

Wann ist Ihnen klar geworden, dass Sie sehr viele Künstler fotografieren würden?

Schon gleich zu Anfang. Die Grenze ist 2.000 Meilen lang und hat sehr große Städte wie Tijuanaund San Diego, El Paso und Juarez, Brownsville und Matamoros und soweiter, die sich die Region teilen. Mir war gleich bewusst, dass ich diese Größe und die enorme Anzahl an Künstlern die dort leben und deren Bedeutung für ihre Gemeinden nur mit einer großen Zahlan Portraits gezeigt werden kann. Allerdings bin ich nun an einem Punkt wo die Anzahl der Portraits genug ist, um mein Anliegen zu beschreiben und ich gehe nun sehr viel selektiver vor, meine Methodik hat sich im letzten Jahr geändert und nun suche ich nach Künstlern mit Geschichten, wirklich direkt mit der Grenze oder einer Grenz- Thematik zu tun haben. (siehe Tom Kiefer, Alonso Enciso, Opera Divas …).

Musiker, Maler, Fotografen - für welche Genres haben Sie sich entschieden?

Für keine. Kunstschaffende jeder Richtung und Kunstunterstützer (wie ich sie nenne) wie Museumsdirektoren, Galeristen waren und sind mir willkommen. Ich habe mehr visuell arbeitende Künstler fotografiert als etwa Tänzer oder Schriftsteller, einen Grund dafür gibt es aber nicht. Vielleicht wegen meiner eigenen visuellen Tätigkeit.Selbstverständlich suche ich immer die Nähe von Fotografen und ich habe dort großartige Kollegen getroffen, wirklich eine Bereicherung meines Freundeskreises. Überhaupt erwähnenswert: die größte Belohnung dieses Projektes für mich persönlich sind die neuen Kontakte und Freundschaften zu so vielen höchst talentierten und motivierten Menschen, die mein Leben so sehr bereichert haben und kontinuierlich mein Bewusstsein formen.

Wie wichtig war Ihnen eine politische Motivation der Künstler?

Ganz und gar unwichtig. Es geht auch nicht darum ob Künstler sich mit der Grenze oder Thematiken wie Einwanderung, Drogenkriege etc beschäftigen. Die einzige Bedingung, die ich (an mich selbst) stelle war, dass der Künstler momentan aktiv ist. Egal auch wie lange schon oder ganz neu, bekannt oder unbekannt. Es geht auch nicht darum eine Art Katalog zu erstellen über wer ist wer an der Grenze, dafür würde ich sehr lange brauchen. Es geht um das Aufzeigen von Kultur und Humanität in der Region.

Wie haben Sie sie ausfindig gemacht?

Ich hatte 2008 nur eine Telefonnummer einer in Mexiko sehr bedeutenden Künstlerin, Marta Palau, in Tijuana. Sie machte mich bei meinem ersten Besuch in Tijuana mit ihren Künstlerfreunden bekannt. Viele dieser Künstler empfahlen mir ihre Lieblings-Künstler und stellten die Kontakt her. Ich recherchiere nie alle Einzelheiten zu den Künstlern, die ich treffe. So komme ich nicht in die Versuchung, ihre Kunst vorab zu beurteilen. Es geht mir mehr um den Menschen als um seine Kunst. Das macht das Projekt so spannend und ich begegne Künstlern, die ich nicht im Internet gefunden hätte. Außerdem besuche ich auch immer die lokalen Museen und Institutionen, deren Direktoren mir ebenfalls Künstler vorschlagen, die ich porträtieren könnte. Ich versuche, die Künstler in ihren Ateliers oder Häusern zu fotografieren, oder wir gehen dorthin, wo ihre Kunstwerke auf öffentlichen Plätzen zu sehen sind – zum Beispiel als Wandmalereien oder Skulpturen. Ich fotografiere Künstler auch während einer Performance oder Schriftsteller während des Schreibens. Meist formt sich erst eine Idee im Kopf, wenn wir uns treffen. Manchmal gehe ich mit den Künstlern auch direkt an den Grenzzaun. Aber das visuelle Mittel kann ich nicht zu oft einsetzen. Es ist aber ab und zu wichtigzur Orientierung und Erinnerung worum es hier geht.

An welche Begegnung erinnern Sie sich gerne?

Ich erinnere mich tatsächlich an alle Situationen gerne. Und ich bin dankbar dafür, das ich Fotograf bin und all diese Situationen fotografiert habe – sonst würde ich wohl einige vergessen – aber so kann ich sie immer wieder hervorholen. Es gab viele angstvolle Momente, weil ich natürlich auch nicht frei davon bin, durch die Medien beeinflusst zu sein. So einfachnach Juarez zu reisen etwa, die ehemalige „Mord-Hauptstadt“ (murder capital) der Welt, war mental nicht einfach. Oder Tijuana 2008, wo ich eigentlich damals niemanden antraf der nicht Zeuge einer Gewalttat war, oder in Brownsville, Texas, auf dem Weg nach Matamoros, Mexiko, wo ich an der Grenze (ich habe dort, wie so oft an anderen Stellen auch, die Grenzezu Fuss überquert) von den amerikanischen Grenzbeamten gefragt wurde ob ich lebensmüde oder verrückt sei dorthin zu gehen. Das stellte sich dann immer als übertrieben heraus – mir ist nichts passiert, nicht mal annähernd, aber der Kopf muss sich erst daran gewöhnen und mit der Hilfe von den Künstlern war ich wirklich immer sicher, Künstler kennen ihre Stadt wie niemand sonst und haben sich immer sehr um mich gekümmert. Auch darum sind meine Erinnerungen durchwegs positiv, das Projekt wurde und wird allerorten sehr positiv gesehen und die lokale Unterstützung war überall enorm gut. Begegnungen mit Fotografen wie Monica Lozano aus Juarez und El Paso, die höchst einfühlsame Fotos über Grenzthemen wie die Migration von Menschen fotografieren und Tom Kiefer, der Habseligkeiten von festgenommenen Migranten auf der amerikanischen Seite der Grenze aus dem Gefängnis-Müll holte und eine gigantische Sammlung davon unweit der Grenze in Ajo, Arizona, in seinem Studio aufbewahrt, katalogisiert und fotografiert, oder Alonso Enciso, ein kolumbianischer Künstler in Tucson, der bislang mehr als 800 Kreuze in der Sonora Wüste aufgestellt hat um die Todesstelle verdursteter Immigranten aus Mexiko zu markieren, oder die Artistas Fronterizas, drei Opern Diven die sich singenderweise in San Diego und Tijuana um Grenzverständigung kümmern … sind natürlich unvergesslich. Und unersetzbare Erfahrungen. Davon gibt es in diesem Projekt sehr viele. Aber auch die Begegnung mit den vielen sehr jungen Künstlern, wie die Gruppe Jellyfish in Juarez, die sich mittlerweile mit ihren bunten Wandmalereien und Designs einen großen Namen auf beiden Seiten der Grenze machen, oft politisch, oft gar nicht, höchst talentiert alle vier und uneigennützig wenn es um das Erschaffen eines gemeinsames Bild geht.Das ist überhaupt eine Erfahrung zumindest auf der mexikanischen Seite, die Kunst wird der Kunst wegen erschaffen und nicht wegen des eines Kunst-Marktes. Den gibt es nämlich kaum. Auch die Zusammenarbeit und gegenseitige Hilfestellungen und die überall sichtbare Kunsterziehung hat mich sehr beeindruckt. Kaum ein Künstler der nicht in irgendeiner Funktion als Kunsterzieher arbeitet.

Wie sind Sie generell fotografisch vorgegangen?

Ich reise sehr leicht. Normalerweise mit einer Kamera und einem Objektiv (Nikon 850 momentan,Nikkor 24-70mm) und einer Ersatz-Kamera im Gepäck. Zum einen ist das meine bevorzugte Arbeitsweise – wobei ich kommerziell und je nach Auftrag natürlich weitere Objektive mitbringe – zum anderen will man an der Grenze nicht unbedingt durch zu viel Gerät auffallen. Auch das alleine arbeiten bringt den gleichen Vorteil– bei einer Körperlänge von 196 cm nicht so einfach.

Mittlerweile haben Sie 200 Portraits fotografiert und arbeiten weiter an der Serie. Was ist Ihr Ziel?

Ja, ich habe das Ende noch nicht erkannt. Es gibt weiterhin viel zu tun, auch wenn das Reisen momentan unmöglich ist. Wie schon oben erwähnt bin ich nicht mehr darauf aus, nochviele weitere Portraits zu fotografieren, es sei denn es ist eine (Grenzkunst-) Geschichte die mich interessiert oder ein Künstler, der mir auffällt. Aber Ausstellungen wie diese in Zingst, Facebook-Seiten wie meine „LA FRONTERA: Artists along the US-Mexican Border“, oder die Arbeit an meiner Webseite und Podcasts und Interviews holen mich immer wieder in das Projekt zurück. Es ist ein Thema, das bleibt und mir am Herzen liegt.

Die Ausstellung "La Frontera" von Stefan Falke ist im Max Hünten Haus zu sehen und zwar vom 08. Januar bis zum 30. April 2021.

Fotos ©Stefan Falke

Webseite des Fotografen: www.stefanfalke.com

Interview per email: Edda Fahrenhorst

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