Heute in Zingst

Es ist finster. Es ist kalt. Es ist einsam. Auf jedem Quadratzentimeter lastet der Druck einer tonnenschweren Wassersäule. Und doch: Die Tiefsee ist ein Ort des Lebens.

Sie bringt eine Vielfalt faszinierender Kreaturen hervor, die sich trickreich an die extremen Bedingungen angepasst haben. Wir Menschen kennen nur etwa ein Prozent dieses Lebensraums. Der Kieler Fotograf Solvin Zankl möchte das ändern und ist seit vielen Jahren an Expeditionen beteiligt, die losfahren, um die Tiefsee zu erforschen und besser kennenzulernen.

Im Interview erzählt er, wie ihm der schuppenlose Drachenfisch ein seltenes Privileg gewährte, warum er beim Fotografieren in einem Kühlraum arbeitet und warum es so wichtig ist, die Tiefsee zu schützen:

horizonte zingst: Wann, wie und warum haben Sie das Thema Tiefsee für sich entdeckt?

Solvin Zankl: Seit ich als Jugendlicher bei einem Auslandsjahr auf St. Croix in der Karibik Tauchen gelernt habe, hat mich die Faszination für die Unterwasserwelt nicht mehr losgelassen. Mit Begeisterung erkundete ich Korallenriffe, aber der Blick über die Riffkante in die scheinbar unendliche Tiefe hat mich immer in den Bann gezogen. Deswegen bin ich dankbar für Gelegenheiten, auf Forschungsexpeditionen mit dem Tauchboot auf Entdeckungstour zu gehen oder mich mit lebenden Tieren zu beschäftigen, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit ihren Geräten aus mehreren tausend Metern Tiefe ans Tageslicht bringen. 2007 bekam ich als Fotograf auf dem Forschungsschiff „Polarstern“ meine ersten Tiefseewesen vor die Linse – meine aktuellste Fahrt fand mit dem Forschungsschiff „Sonne“ im Sommer 2020 statt.

Die fotografischen Herausforderungen bei dem Thema sind enorm - wie haben Sie sich dem angenähert und Ihre Methode perfektioniert?

Unter Wasser zu fotografieren habe ich beim Tauchen gelernt. Die Technik habe ich dann quasi mit ins Studio genommen und an die Aquarien angepasst, die ich dort verwende. Mit meinen Objektiven kann ich Tiere abbilden, die bis zu drei Zentimeter groß sind. Für kleinere Organismen, ungefähr bis zu einem halben Millimeter Größe, schließe ich die Kamera an ein Makroskop an. Was aber viel wichtiger ist als das Setup, ist, sich Zeit zu nehmen, damit die Tiere vor der Kamera ihr möglichst natürliches Verhalten zeigen und ich es in Szene setzen kann.

Wie sieht inzwischen Ihr „typischer“ Arbeitsalltag bei einer Expedition aus?

Auf Expeditionen richte ich mir ein Studio mit meinen Aquarien, dem Mikroskop und der Fotoausrüstung ein. Dabei sitze ich in einem Kühlraum bei einstelligen Temperaturen, damit das Wasser für die Tiefseebewohner die gewohnte Temperatur hat. Den Ablauf bestimmt die Wissenschaft – und die arbeitet auf Forschungsschiffen oft Tag und Nacht. Von den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern bekomme ich die lebenden Tiere zum Fotografieren, sobald diese mit den verschiedenen Geräten an Bord kommen: Planktonnetze, Greifer, Tauchroboter und vieles mehr sind dafür rund um die Uhr im Einsatz. Mal kann ich mich einem Tier in Ruhe widmen, einerlei, ob es zwei Stunden oder einen ganzen Tag dauert. Mal bringt jedes Gerät so viele neue vielversprechende Funde an Deck, dass ich über meiner Arbeit die Zeit vollkommen vergesse.

Welche Begegnung mit einem Tiefseewesen hat Sie besonders beeindruckt?

Fast jede Begegnung mit Tieren, die sich auf so verschiedene Weise an diesen für uns unwirtlich scheinenden Lebensraum angepasst haben, ist einmalig. Da sind die kleinen Überraschungen, wenn sich vor meinen Augen eine winzige Schnecke aus einem Gehäuse wagt, das mir bis dahin gar nicht aufgefallen war, oder aus einem Probenbehälter ein Oktopus hervorkriecht und seine Farbe wechselt, um sich zu tarnen. Deutlich in Erinnerung geblieben ist mir ein Schuppenloser Drachenfisch, der in meinem Aquarium sein Leuchtorgan aktivierte und den Raum um sich herum selbst illuminierte, während ich noch dabei war, Kamera und Licht einzurichten. Vermutlich konnte noch kein anderer Mensch dieses Leuchten selbst erblicken – das war ein besonderes Privileg.

Was ist Ihr persönliches Ziel und Ihre Idee dahinter bei Ihrem Thema Tiefseewesen?

Ich möchte meine Faszination teilen und möglichst vielen Menschen zeigen, wie spannend das Leben in den Tiefen des Ozeans ist. Welche Farben, Formen und Verhaltensweisen die verschiedenen Arten im Laufe der Evolution entwickelt haben, um unter dem hohen Druck, der Kälte, der Dunkelheit und der Weite existieren zu können, Beute zu machen ohne selbst zur Beute zu werden oder für Nachwuchs zu sorgen. Denn nur was man kennt, das schützt man auch. Obwohl wir noch immer so wenig über die Tiefsee wissen, sind wir bereits dabei, sie zu zerstören. Verschmutzung, Klimawandel und die Suche nach Rohstoffen sind schon jetzt eine Gefahr. Aber wenn wir die Auswirkungen wirklich zu spüren bekommen, kann es zu spät sein, um noch gegenzusteuern.

Welche Expeditionen würden Sie gerne in Zukunft noch begleiten?

Ich würde gern die Tierwelt im Südpolarmeer besser kennen lernen. In den Polarregionen gibt es so viele verschiedene Lebewesen, und die Tiere werden dort generell größer als in den wärmeren Gewässern nahe am Äquator.

Und welches Wesen möchten Sie unbedingt einmal vor die Kamera bekommen?

Im Grunde begeistert mich immer das Tier am meisten, das ich zuletzt fotografiert habe. Manchmal fällt es mir schwer, mich zu trennen und etwas Neuem zuzuwenden, weil es bestimmt noch etwas zu entdecken gäbe... Wenn ich mich jetzt spontan für ein Tier entscheiden müsste, wäre es die Blaue Ozeanschnecke, die wie ein kleiner Drachen an der Meeresoberfläche schwimmt und sich von der Portugiesischen Galeere, einer Staatsqualle ernährt. Die Qualle ist giftig für uns Menschen, aber die Schnecke ist immun dagegen. Morgen wäre es vielleicht schon ein anderes Tier, denn in Wahrheit gibt es noch viele, viele weitere Geschichten, die ich erzählen möchte. Unser Planet ist so unglaublich vielfältig, es entzieht sich fast unserer Vorstellungskraft...

Last but not least: Was verbinden Sie mit dem Umweltfotofestival »horizonte zingst«?

»horizonte zingst« stellt auf geniale Weise eine Verbindung zwischen der Fotografie, die ich sozusagen im stillen Kämmerchen mache, und interessierten Menschen her. In Zingst kommen Begegnungen zustande, die es sonst nicht gäbe. Und nicht zuletzt ist die Ausstellungsfläche am Stand natürlich nicht nur eindrucksvoll, sondern wie gemacht für die Tiefseewesen.

Fotos ©Solvin Zankl

Webseite des Fotografen: www.solvinzankl.com

Aufgeschrieben von Maike Nicolai

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