Heute in Zingst

Jan Michalko in Sri Lanka: „Ich war aber die meiste Zeit von früh bis spät alleine in den Straßen, auf Märkten, an Kreuzungen, Bahnhöfen zum Fotografieren unterwegs.“

Es ist heiß, laut und bunt. Die Moskitos surren. Brütende Hitze bis in die Nacht. Willkommenin Sri Lanka – Paradies im Indischen Ozean, in dem sich Kolonialgeschichte und eine teilweiseungezähmte Flora und Fauna begegnen. Der Berliner Fotograf Jan Michalko lebte, reisteund arbeitete 2018 und 2019 auf der Insel – sechs Monate lang. Er erforschte die Realitäten,Skurrilitäten und Fantasien des Alltags und der Kultur an vielen Orten dieses mysteriösen Inseluniversums.

Im Interview erzählt er von der anstrengendsten Bahnfahrt seiner Lebens, davon wie es ist,sich fotografisch komplett in eine andere Welt versetzen zu können und wie es bei einem Schlangenbeschwörer zuhause aussieht.

Zingst: Jan Michalko, warum Sri Lanka?

Jan Michalko: Anfang 2018 begleitete ich meine Schwester Monika und ihre Familie mit nach Sri Lanka – Colombo. Ihr Mann leitete ein Start-up-Projekt bei einer NGO, das ich anfangs für eine Dokumentation fotografierte. Ich war aber die meiste Zeit von früh bis spät alleine in den Straßen, auf Märkten, an Kreuzungen, Bahnhöfen zum Fotografieren unterwegs. Nach einiger Zeit arbeiteten Monika und ich künstlerisch zusammen – sie ist Malerin und wir ergänzten uns in Form, Farbe, gestalterischen Prinzipien. Daraus wurde die Ausstellung In the Tropics the hair feels different bei Franzkowiak, Berlin. Riesige Fototapeten mit Drucken meiner Fotos kombinierten wir mit ihrer Malerei und Soundcollagen unseres BrudersBombe.

Sie sind 6 Monate durch das Land gereist – wo waren Sie überall?

Jaffna. Schon die Fahrt dorthin war ein echtes Abenteuer, da ich zu Neujahr ohne Zugreservierung dort hin reiste. Das ist in Sri Lanka eigentlich problematisch, jede Reise will obder vielen Menschen in Bus und Bahn gut geplant und organisiert sein. Das war wirklich die heftigste Bahnfahrt meines Lebens: Ich stehe zehn Stunden in der reisenden Menschenmenge und kann mich kaum bewegen.

Kandy. Ich konzentrierte mich auf die Erforschung von Ecken mit einer hohen Konzentrationan Bars. Dort fand ich eine eigene Szene vor, interessante Personen, Tagelöhner, Händler,Tuk Tuk Fahrer. Dort machte ich auch einige Bekanntschaften. Negombo. Eine kleine christlich geprägte Stadt mit Fischereihafen und Lagunen. Dort entstand eine Serie über die dort lebenden und am Strand arbeitenden Fischer und Fischhändler.

Zu sehen sind Momentaufnahmen – wie sind Sie fotografisch vorgegangen?

Ich inszeniere meine Bilder nicht, d.h. ich gebe den Menschen keine Anweisungen, ich lasse die Situationen einfach entstehen. Dafür halte ich mich lange an Orten auf, lerne sie sachte kennen. Ich sehe meist erst den passenden Hintergrund – eine bunt gemusterte Fassade, eine abgeblätterte Farbfläche, einen interessanten Space. Davor lasse ich die Leute einfach ihr Ding machen, halte mich im Hintergrund und nach einer Zeit vergessen sie mich und akzeptieren meine Anwesenheit. Wenn alles für mich passt, bin ich dann sehr schnell. Ich bekomme eine Art Tunnelblick und der Rest ergibt sich von selbst.In Sri Lanka habe ich mich auf die Formen und das Grafische in den Bildern konzentriert. Früher bin ich quasi noch den Menschen hinterhergerannt, um sie zu fotografieren. Heute fungieren sie eher als Statisten, sind Teil einer Komposition. Bei einem guten Bild stimmt für mich die Komposition ganz genau. Jede Position, Geste, im Zusammenspiel mit dem Hinter- und Vordergrund des Fotos.

Welche Begegnungen und Erlebnisse waren denkwürdig?

Die Insel Sri Lanka ist einfach wunderschön: Es stehen überall Palmen, auch mitten in den Städten, wie zum Beispiel in Colombo. Die Vegetation ist sehr variationsreich und das Land zeichnet sich auch durch den 50er Jahre Stil in der Architektur, teilweise Resten der britischen Kolonialmächte aus. Es scheint, dass an manchen Orten der Insel die Zeit stehen geblieben ist – das finde ich faszinierend. Mich reizen auch die üppigen Farben – ob nun in der Natur oder auf der Straße, auf den Wänden, den Bussen, den Gegenständen des täglichen Lebens. Ich kann mich hier perfekt in eine komplett andere Welt versetzen.

Die ganze Insel ist voller Schlangen – zumindest wird man oft vor ihnen gewarnt. Sie lungern in den Gebüschen herum und verirren sich manchmal in den Wohngebieten. Einmal habe ich zufällig einen Schlangenfänger in einer Bar kennengelernt. Er fängt die Schlangen bei Leuten aus dem Garten ein und lässt sie wieder in der Natur frei. Einige Exemplare hälter auch bei sich zu Hause: Als ich ihn dort besuchte, fand ich mich in einem Raum mit sieben Cobras und drei Pythons. Ein besonderes Gefühl.

Der Mann liebt seine Tiere und arbeitet auch als Schlangenbeschwörer – wobei er die Cobras und Pythons dabei gerne mal in seiner Sporttasche im Bus transportiert. Einmal lernte ich eine Gruppe von Studenten des Universität von Colombo kennen. Sie nahmen mich auf ihren Campus und ich übernachtete dort in einem Hochbett. Alles ganz schlicht und einfach, die Menschen sehr herzlich. Am nächsten Tag stellten sie mich nach einer langen Nacht sogar der Direktion und dem Personal der Universität vor.

Planen Sie eine weitere Reise?

Meine Fotografien aus Sri Lanka und Indien – und auch die von anderen Kontinenten – sind prinzipiell als Work in Progress angelegt. Daher kann ich mir jeder Zeit vorstellen auch nach Sri Lanka zurückzukehren und einige Serien weiter auszubauen.

Ich kehre gerne an Orte zurück. Beispielsweise war ich 2019/2020 für mehrere Wochen nach 20 Jahren wieder in der westbengalischen Megametropole Kolkata. Sehr erstaunlich, wie sich manche Gegenden verändert hatten. Das interessiert mich fotografisch sehr. Aus einem Slum hatte sich in den Jahren eine Wohngegend entwickelt, das Bahnhofsviertel, indem zuvor Klebstoffschnüffler und Tagelöhner herumsaßen, ist von der Umtriebigkeit der Stadt scheinbar einmal durchgewirbelt worden. Viele Orte gab es schlichtweg nicht mehr,da darauf neue Gebäude entstanden sind und stadtplanerische Maßnahmen traditionell alt Eingesessenes geschluckt hatte. Diese Beobachtungen fotografisch festzuhalten macht für mich einen wichtigen Teil der Fotografie aus, denn das macht nicht nur mit der Umgebung, sondern auch mit den dort lebenden Menschen etwas.

Was fasziniert Sie an „Farbe“? Und was drücken die Farben für Sie aus – zum Beispiel auch eine Art Lebensgefühl?

Farbe bedeutet für mich Lebendigkeit und ist im Prinzip das Leitmotiv meiner aktuellen fotografischen Arbeit. Daher bereise ich auch momentan Indien: Farbflash pur. In Europa ist die Intensität der Farben vielleicht im Süden vorhanden – ansonsten wirkt es eher so grau in grau auf mich. Die Menschen, deren Kleider, das Wetter sind vor allem in den Wintermonaten eine große Herausforderung. Farbe hingegen weckt Gefühle, sie wärmt. Ich fotografiere nicht die Inhalte. Wenn jemand beispielsweise in Indien Chai kocht, dann ist nicht das Teekochen das Interessante. Es ist das metallische Glänzen der Kessel, der Dampf, die pinke, zerrissene Plastikplane im Hintergrund, die mich reizen; die Kombination aus Formen, Farben und Linien.

Die Ausstellung "Life Flashes" von Jan Michalko ist in der Leica Galerie Zingst zu sehen und zwar vom 08. Januar bis zum 30. April 2021.

Fotos ©Jan Michalko

Webseite des Fotografen: https://janmichalko.photoshelter.com

Interview per email: Edda Fahrenhorst

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