Heute in Zingst

Als Kurator hat Klaus Tiedge das Umweltfotofestival »horizonte zingst« seit dem Moment der Idee im Jahr 2007 begleitet und mitgestaltet. Nach seinem plötzlichen Tod am 22. Mai 2021 wird er in Zingst sehr fehlen.

Seit über 15 Jahren war Klaus Tiedge eng mit Zingst verbunden. In Vorbereitung des ersten Umweltfotofestivals »horizonte zingst« 2008 wurde er zum Kurator berufen und prägte seither die Fotografie im Ort. Neben seinen langfristig angelegten Inhalten für das Festival und seinen oft ungewöhnlichen Ideen hat er vor allem die Liebe und Leidenschaft für alle Spielarten der Fotografie nach Zingst gebracht.

Die Fotografie erlernte Klaus Tiedge von der Pike auf an der Höheren Graphischen Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt Wien. Er war über ein Jahrzehnt für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei AGFA verantwortlich, übernahm die Chefredaktion namhafter deutscher Fotomagazine und gründete 1981 seinen eigenen Verlag „Designers Digest“. Das gleichnamige Magazin erschien in mehr als 100 Ausgaben.

Danach konzentrierte sich Klaus Tiedge auf seine neue Aufgabe als Kurator in Zingst. Er brachte aber nicht nur die nationale und internationale Fotografie an die Ostsee, sondern auch viele alte und neue Freunde sowie Partner aus der Industrie und den verschiedensten Medien. Klaus Tiedge versammelte gerne alle Fotofreunde an dem Zingster Tisch – er machte die Menschen miteinander bekannt, sprach wahlweise humorvoll oder nachdenklich zu den Ausstellungen, war stets auf dem aktuellen Stand der Fotoindustrie, hatte immer einen lockeren Spruch auf den Lippen, begeisterte sich für große Ideen und verband dabei unermüdlich alle Zingster Besucher zu dem großen Ganzen. Mit dieser Energie entwickelte sich ein immer größeres und angeseheneres Festival, das mittlerweile jedes Jahr von tausenden Menschen besucht wird.

Seit 2018 legte er nach und nach seine Aufgaben in die Hände „seines“ Zingster Foto-Teams. Voller Wehmut, aber auch voller Zuversicht, dass sie sein Werk weiterzuführen und Eigenes, Neues schaffen werden. 2020 übergab er die Kuratorenschaft.

Dieser Tage sollte Klaus Tiedge in Zingst besonders geehrt werden.

Aus diesem Grund wollten von ihm wissen, warum es »horizonte zingst« gibt, wie er es gemeinsam mit dem Zingster Team im Laufe der Jahre entwickelt hat und welche Momente ihm in besonderer Erinnerung geblieben sind

horizonte zingst: Klaus Tiedge, wie kam es zu der Idee, ein Fotofestival in Zingst zu etablieren?

Klaus Tiedge: Peter Krüger, der damalige dynamische Geschäftsführer der Kur- und Tourismus GmbH Zingst, hatte die Vision, die Fotografie zu einem herausragenden Merkmal des Ostseeheilbades zu machen. Ein Fotofestival zu etablieren, schien ihm die geeignete Maßnahme, um das Engagement für das Thema sichtbar werden zu lassen. Heinz Teufel hatte ursprünglich die Fotografie mit Ausstellungen und Workshops nach Zingst gebracht – nun sollte das Thema weiterentwickelt werden.

Ich gebe zu, dass ich die kühne Idee eines Festivals zunächst mit gewisser Skepsis begleitet habe. Dennoch erschien mir die Aufgabe sehr reizvoll zu sein und ich machte mich ans Werk, eine Veranstaltung zu schaffen, die erfolgsentscheidende Alleinstellungmerkmale aufweisen konnte. Statt noch ein Fotofestival allgemeinen Inhalts zu gestalten, sollte es ein Event mit programmatischer Ausrichtung werden.

»horizonte zingst« ist seit Anbeginn ein Umweltfotofestival – warum diese Ausrichtung?

Auf der Suche nach der Kernkompetenz wurde 2007 entschieden, dass auf der Basis der geographischen Lage das authentische Leitthema nur die Natur sein konnte. Die damals sehr mutige Entscheidung, die daraus gefolgert wurde, hieß: Wer Natur meint, muss den Begriff in Richtung Umwelt erweitern.

Diese Erkenntnis wurde konsequent umgesetzt. Die daraus folgende Frage lautete: Was macht ein Festival aus? Die Antwort konnte in dem Wertekanon „Natur, Kultur, Fotografie, Begegnung“ zusammengefasst werden. Die Formel ging auf. Das Umweltfotofestival »horizonte zingst« entwickelte sich zu einer Erfolgsstory.

Zu der Zeit hatte Zingst zwar schon eine fotografische Vorgeschichte, aber die war nur Insidern bekannt – wie rückte »horizonte zingst« in den Fokus eines breiten fotografie-interessierten Publikums?

Das »Kunststück«, das es zu bewältigen galt, war, eine extreme Bandbreite der Zielgruppen-Segmente zu bedienen. Da waren auf der einen Seite, die Ansprüche fotografisch Interessierter vom Amateur bis zum Professional für Zingst zu begeistern. Zum anderen galt es das allgemeine touristische Publikum in allen Facetten für das fotografische Angebot zu gewinnen.

„Die Mischung macht’s“ war die Grundlage des Konzepts. Ich habe mich in meinem Rollenverständnis nicht als der alleinige Besserwisser positioniert, sondern als Jäger und Sammler einer großen Bandbreite zeitgemäßer Themen. Aus der Pflege des weitgefächerten Netzwerks ergab sich die Qualität. Fachleute, Medienpartner, Galeristen, Verbands- und Messekontakte ergaben eine versammelte Kompetenz und machte eine thematische Mischung möglich, die möglichst viele Zielgruppensegmente bediente. Inhaltliche, künstlerische, technische und wirtschaftliche Aspekte galt es dabei zu vereinen. Das Netzwerk hatte zudem den Effekt, dass sich alle Ideengeber in hohem Maße mit den Zingster Aktivitäten identifizierten. Aus besonders wichtigen Kontakten von wirtschaftlicher und technischer Bedeutung entwickelten sich Premiumpartnerschaften von existenzieller Tragfähigkeit. So wurde Zingst zu einem Hotspot in der Fotowelt.

In den 13 Jahren des Festivals gab es ungezählte Begegnungen, Momente, Inhalte... Was ist Ihnen in besonderer Erinnerung?

Es sind unendlich viele Begegnungen gewesen! Ich erinnere mich noch gut daran, wie lange ich in der ersten Zeit telefonieren musste, um beispielsweise Fotografen aus dem süddeutschen Raum zu erklären, wo denn Zingst auf der Landkarte zu finden sei... Das hat sich dann sehr schnell geändert. Nach den ersten großen Ausstellungen verbreitete sich in der Fotoszene (und nicht nur bei den Natur- und Landschaftsfotografen) die Erkenntnis, dass Zingst ein Ort ist, in dem Fotografie ganz groß geschrieben wird.

Insbesondere die durch den „Zingster Weg“ gekennzeichnete Produktion der Ausstellungen, sorgte für letztendlich sogar internationale Akzeptanz. „Zingster Weg“ bedeutet: Die Bilder erreichen auf der „Datenautobahn“ den Ausstellungsort und werden dann als Exponate produziert. Zingst etablierte sich also als „Geburtsort“ sehenswerter Ausstellungen. Der besondere Schwerpunkt: Open-Air-Ausstellungen im XXL-Format und vielfältige Gruppenausstellungen zur Erweiterung des Netzwerks. Von regionalen Naturfotografen bis zu über- seeischen Fotostars reicht die Bandbreite.

Interessant in diesem Zusammenhang ist der Ausstellungsbereich, der unter „Young Professionals“ gebündelt wurde. Das war und ist die Grundlage, dass die Fotografie in Zingst einen so wichtigen Wettbewerb wie den BFF-Förderpreis reaktivieren konnte. Der partnerschaftliche Dialog ist charakteristisch für die Fotografie in Zingst. Es sind Partnerschaften und sogar Freundschaften entstanden.

Ein Höhepunkt im Fotojahr, war stets der Besuch im Atelier von Walter Schels. In seinem Lebenswerk nach – bisher unveröffentlichten – Fotografie zu „graben“, erwies sich als spannendes Abenteuer. Da blieb auch Raum für Spontaneität. „Hausbesuche“ auf eine Tasse Kaffee beispielsweise im Studio von Frank Stöckel oder in der Bildredaktion vom Stern Magazin bei Andreas Kronawitt erwiesen sich als wichtige Inspirationsquellen für das Festivalprogramm. In den Gedankenaustausch einbezogen, war stets auch die permanente Kommunikation mit den Premiumpartnern.

Das Umweltfotofestival »horizonte zingst« entstand – salopp ausgedrückt – aus kühnen Visionen und Kaffeeklatsch... Bekannterweise beginnt auch ein langer Weg immer mit den ersten Schritten.

Außerdem möchte ich immer wieder betonen: Ein Festival zu gestalten, ist ein „Mannschaftssport“. Es werden viele Talente gebraucht, die unter dem Motto: „Jeder macht das, was er am besten kann“, zusammenarbeiten sollten. Inhaltliche Kompetenz, gestalterische Kompetenz, produktionstechnische Kompetenz, kommunikative Kompetenz und, und, und... gehören gebündelt. Namentlich erwähnen möchte ich im Bereich der Gestaltung die Zusammenarbeit mit Stefanie Schiller. Sie war und ist das kreativ-technische und organisatorische Rückgrat von den Ausstellungen über die Kommunikation bis zum Katalog. Ein großes Dankeschön für die gute Zusammenarbeit.

Generell nach dem Erfolgsrezept des Umweltfotofestivals »horizonte zingst« gefragt, kann Ich immer nur wiederholen: die Mischung macht’s... Ausstellungen, Multivisionsshows, Workshops, Professionals Talks, Fotomarkt und letztlich die zwischenmenschlichen Begegnungen bei der allabendlichen „Bilderflut“ mit Großprojektion am Strand machen das Umweltfotofestival »horizonte zingst« zu einem großartigen Erlebnis. Die Zielsetzung, mit bewegenden Bildern, das Umweltbewusstsein zu erweitern, wurde über die Jahre wirkungsvoll erreicht.

Klaus Tiedge bleibt in beratender Position weiterhin Mitglied des Festival-Teams und wird als Senior-Berater aktiv seine Erfahrung auch in die Zusammenarbeit mit dem Marketing der Kur-und Tourismus GmbH Zingst einbringen. „Ich bedanke mich herzlich für die bisherige Zusammenarbeit und bin sehr glücklich, dass Klaus Tiedge künftig als Senior Berater dem Festival-Team weiter mit seinem großen Erfahrungsschatz zur Verfügung steht,“ so Matthias Brath. Klaus Tiedge wurde für seine Leistungen vom Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern und vom Photoindustrieverband für die Förderung der Fotografie ausgezeichnet.

Fotos © Anke Großklaß und Darius Ramazani

Interview per email: Edda Fahrenhorst

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