Der Bibliotheksplatz in Zingst präsentiert sich als Ort der Begegnung. Mit Touching Strangers bringt der Fotograf in seinen Bildern Menschen zusammen, um menschliche Nähe und Vertrautheit zu inszenieren. Jenseits aller sozialen und gesellschaftlichen Barrieren.
Menschen, die sich berühren: Meist sind es Paare, manchmal Gruppen, frontal auf die Kamera ausgerichtet. Als Erinnerung und als Freundschaftsbilder – so scheint es. Auf den ersten Blick konventionelle Alltagsfotografie. Aber: Passen diese nahen Gesten zu den Personen? Erscheinen sie nicht durch Alter, Hautfarbe oder durch Kleidung und Habitus als zu verschieden für den nahen Körperkontakt? Bei genauem Hinschauen dürfen den Betrachtenden durchaus Zweifel kommen. Das ist ganz im Sinne des amerikanischen Fotografen, der schon mit seinem doppeldeutigen Projekttitel darauf hinweist, dass es sich eben nicht um typische Freundschaftsportraits handelt. Seit 2007 arbeitet Richard Renaldi an Touching Strangers. Beherzt spricht er im öffentlichen Raum Menschen an und wählt für sie eine zweite Person aus. Nach der Erläuterung seiner Projektidee beobachtet er, wie die Verbündeten auf die Einladung reagieren und sich vor seiner 8×10-Großbildkamera zueinander in Szene setzen wollen.
Menschen, die sich noch nie vorher gesehen haben und vielleicht nicht einmal miteinander sprechen würden, posieren nun für ein gemeinsames Portrait, das Nähe und Vertrautheit ausstrahlt. Eine überwältigende Idee, die für Renaldi auch sehr persönliche Gründe hat: „Bei Touching Strangers geht es vielleicht um meine eigene Suche nach Intimität, um meinen Wunsch, die unsichtbaren Grenzen, die uns voneinander trennen, visuell zu artikulieren und zu überschreiten“, erläutert der Fotograf, denn „von all den Grenzen, die uns voneinander trennen, sind nur wenige so unantastbar wie die unsichtbaren Linien, die wir in der Öffentlichkeit gewohnheitsmäßig zwischen anderen und uns selbst ziehen“.
Aus dem einfachen Setting eines flüchtigen Moments kann rasch ein ganzer Kosmos an Assoziationen und Entdeckungen werden. Aus der Idee, fremde Menschen zu einer ansonsten nur engen Freunden und Familienmitgliedern vorbehaltenen intimen Geste aufzufordern, hat sich die Serie zu einem sozialen Experiment entwickelt. Offenbar natürlich begegnen sich hier Menschen, reagieren mit- und aufeinander. Die Portraits setzen der Vereinzelung des modernen Lebens – vor allem in den Großstädten – menschliche Nähe entgegen und öffnen einen Moment, in dem soziale Barrieren aufgehoben sind, Akzeptanz und Verbundenheit spürbar werden. Die Geschichten dazu entstehen indes erst im Kopf der Betrachtenden, die auf ihre eigenen Erfahrungen zurückgreifen werden. Die Portraits sind daher auch eine Aufforderung, uns selbst zu fragen, wozu wir fähig sein könnten, wenn wir in einer Welt voll Zugewandtheit, Empathie und Vertrauen leben würden. Wenn wir dabei nur lernten, „das Potenzial jedes vorbeigehenden Fremden einzuschätzen, ein Liebhaber, ein Partner oder ein Freund zu sein“, so Renaldi. So einfach – und doch so herausfordernd.
Die Ausstellung Touching Strangers wird im Rahmen des 19. Umweltfotofestivals »horizonte zingst« präsentiert, das in diesem Jahr das Thema MENSCH in den Mittelpunkt stellt.
Richard Renaldi wurde 1968 in Chicago geboren. 1990 erhielt er einen BFA in Fotografie der New York University. Als Fotograf arbeitet er bevorzugt in Langzeitprojekten. Die Serie Touching Strangers erschien als Buch 2017 bei Aperture und wurde bereits in vielen Ausstellungen präsentiert. Weitere sechs Bücher sind von ihm erschienen: Figure and Ground (Aperture, 2006), Fall River Boys (Charles Lane Press, 2009), Manhattan Sunday (Aperture, 2016), I Want Your Love (Super Labo, 2018), Breathless (KGP Monolith, 2024), Billions Served (Deadbeat Club, 2025). Renaldi wird von der Benrubi Gallery in New York und der Robert Morat Galerie in Berlin vertreten. 2015 erhielt er ein Stipendium der John Simon Guggenheim Memorial Foundation.
Vom 30.05.2026 bis 30.04.2027
Richard Renaldi
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