Kurzprogramm

In den Monaten der Pandemie hat Jörg Gläscher viel Zeit im Wald verbracht und aus Ästen Wasserlandschaften gebaut.

Einmal scheint es so, als würden sanfte Wellen über den Waldboden plätschern, ein anderes Mal türmt sich zwischen Bäumen ein bedrohlicher Wellenberg auf. Seine fotografische Landart trägt den Titel also passend zu ihrer Entstehungszeit.

horizonte zingst: Wann und warum ist Dir der erste Gedanke zu der ersten Welle gekommen?

Jörg Gläscher: Im Herbst 2020 dachte ich über das Thema Macht und Natur nach. Für mein drittes „Diary Magazine“ hatte ich Waldhütten fotografiert, die Eltern mit Kindern vermehrt in der Corona Pandemie in den stadtnahen Wäldern bauten, und die Nachts eine deutlich andere Nutzung finden. Mich faszinierten diese Bauwerke und unterschiedlichen konstruktiven Ansätze und die zum Teil abenteuerlichen Konstruktionen. Aus dem Wunsch heraus, weiter draußen im Wald zu fotografieren kam mir die Idee Wellen zu bauen, aus Holz, nur mit einer Säge als Hilfsmittel.

Was braucht es an Material, Zeit und Handwerksgeschick, um Wellen zu bauen?

Ich habe Internetrecherchen angestellt, um Wellenformen zu finden, die ich nachbauen wollte. Wellen die langsam ansteigen, ihren Weg durch das Dickicht des Waldes finden und sich dann zu einer großen Kraft aufbauen. Da ich nur Totholz benutzt habe, braucht es eine Menge Material, das ich im Nutzwald zusammen getragen habe.

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Ist das Foto von der Welle reine Dokumentation oder mehr?

Mir ist wichtig das es keine Welle sondern mein Bild von einer Welle ist. Ein Foto ist individuell lesbar und lädt sich dadurch subjektiv auf. Ich gebe das Licht, die Blickrichtung aber nicht die Eindrücke vor. Deswegen reiße ich sie auch nach dem Fotografieren wieder ab.

Nach der ersten Welle kamen weitere, warum?

Der Wald zog mich in seinen Bann, ich ging morgens wie andere Menschen zur Arbeit. Mit Säge und Kamera, mittags gabs Schnittchen. Ich lernte Schraubenloses bauen, steile und flache Wellen umzusetzen. Ich saß im Wald und schaute dem Wachsen zu, und jeden Morgen war ich gespannt, ob sie noch stand. Und das Ergebnis hat einen sinnlichen Reiz, ich wollte mehr davon. Nach neun Wellen war der Reiz gestillt, der erste Schnee kam, die Äste froren am Boden fest. Ab und zu besuche ich die letzte Welle noch, aber der Winter und die Frühlingsstürme nagen an ihr, lange wird sie nicht mehr stehen.

Was kann Fotografie?

Alles.

Epilog

„Eine Welle ist eine periodische Schwingung oder eine einmalige Störung im Zustand eines Systems.“

Betrachtungen sind vielfältig, individuell, nicht eins zu eins übertragbar und in der Erfahrung verschiedenartig erlebbar. So kann ein empfudenes Objekt manigfaltig wirken. Steht es still? Hat es sich bewegt? Nichts ist nur wie es scheint. Also trügt der Schein? Nein, er trügt nicht, aber er begibt sich mit mir auf eine Reise, überspült mich, wirbelt mich durch, läßt mich ängstlich werden, zieht sich zurück, um dann mit neuem Anlauf wieder auf mich zuzurasen. „Aber das kann doch gar nicht sein“, sagt links, „aber ich sehe und fühle es doch“, sagt mir die rechte Hirnhälfte. Ich kann durch sie durchgehen, sie anhalten, sie berühren, aber so steht alles still, geht nicht weiter. Ich muss sie ziehen lassen. Im Stehen überrollt mich die zweite Welle. Sie ist einmalig, es war einmalig. Ich hebe den Kopf, nehme sie bei der Hand und erkenne die Schwingung, das Wiederkehrende, und damit verschwindet die Angst, soll sie kommen, ich bin bereit.

Die Serie "Die zweite Welle" von Jörg Gläscher ist ein Part der Gruppenausstellung „Wasser – Ursprung, Element, Ressource, Leben“. Ebenjene wurde in Kooperation mit dem Magazin Stern in der Panzerhalle / Wellness Camp Düne 6 vom 28.05.- 06.06.2021 gezeigt. Die Ausstellung ist inzwischen abgebaut, aber via 360-Grad-Rundgang gibt es alle Ausstellungsbeiträge in digitaler Form.

Fotos © Jörg Gläscher

Website des Fotografen: www.glaescher.de

Interview per email: Edda Fahrenhorst

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