Kurzprogramm

„SugarWOW“ ist die erste eigens für Zingst produzierte Ausstellung. Der Berliner Fotograf Jan von Holleben gewährt einen Einblick in seine kreative Schaffenszeit.

„Beim Fotografieren“, so von Holleben, „bin ich mein eigener Kritiker und betrachte meine Bilder wieder und wieder. Manche Bilder finde ich schnell zu kurz gedacht, poppig, zu einfach oder direkt. Das kann mich schnell langweilen. Andere Bilder will ich wieder und wieder anschauen und meine Gedanken zurückverfolgen.“

Jan von Holleben hat sich auf eine aberwitzige Reise mit und zum Zucker gemacht. Von diesem kreativen Rausch erzählt er im Interview.

horizonte zingst: Die Ausstellung „SugarWOW“ startete quasi vor der leeren Leinwand. Es gab ein Thema - „Zucker“ - und einzwei Moods. Wie hast Du angefangen, intensiver über das Thema nachzudenken?

Jan von Holleben (Link auf unsere Fotografen-Seite): Ich ging erstmal einkaufen. Bei so einem Thema ist es für mich immer am einfachsten den ersten Schritt mit einer direkten Materialsammlung zu machen. Also umgab ich mich, wie Künstler das so tun, eben mit dem Sujet. Ich wollte ganz eintauchen.

Die Supermärkte in meiner näheren Umgebung waren schon recht erfolgsversprechend und ich fand viele Zuckerigkeiten, die mich inspirierten. Doch ich brauchte noch mehr von dem Stoff. Besonders die klassischen Süßigkeiten, die eine klare Formsprache hatten, fand ich interessant. Also zog ich in Berlin weitere Kreise und wurde fündig. Die ersten Arbeiten entstanden. Dabei erinnerte ich mich an noch andere Süßigkeiten, die ich aber nicht finden konnte.

Also suchte ich online und fand immer mehr süße Dinge, die ich in meine Arbeit einbeziehen wollte. Das wurde eine riesen Bestellung und mein Studio wurde damit endlich zu einem perfekten Schlaraffenland, aus dem ich schöpfen und kreieren konnte.

Der Duft war betörend vanillig quitschend süß - WOW! Außerdem musste ich anfangen alles zu sortieren, um einen Überblick zu behalten und damit arbeiten zu können.

Duft von Süßigkeiten

Relativ schnell stand die Entscheidung, dass Du Dich auf Süßigkeiten konzentrierst und nicht auch auf andere Lebensmittel - warum?

Die Welt der Süßigkeiten ist sehr komplex und intensiv. Wir Menschen haben in allen Kulturen einen sehr speziellen Umgang mit Zucker. Dabei ist der Übergang von essentieller Ernährung (Kohlenhydrate, Säuren etc., die sich im Körper zu Zucker verwandeln) über süßes Gebäck zu dem was wir Süßigkeiten nennen fließend. Süßigkeiten sind das extremste Zuckerzeug – Zucker fast in Reinform, versetzt mit etwas Farbe und ein paar anderen Inhaltsstoffen für noch bessere Haltbarkeit, Materialität oder Sensorik.

Sie sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken und begegnen uns alltäglich und überall. Es ist der schnelle Kick, den wir neben unserer generellen Nahrungsaufnahme immer wieder dringend für uns suchen und auch gerne anderen anbieten, sei es Freunden oder Kindern, als Belohnung, als freundschaftliche Geste oder einfach weil wir es können und wollen. Alleine, zusammen… nebenher, fast unbemerkbar oder ganz festlich in Gesellschaft. Unser Körper freut sich immer wieder sehr darüber und will mehr mehr mehr. Es ist fast wie eine Droge. Nein, tatsächlich kann man schreiben: Zucker ist eine Droge!

Das schlimmste daran: Süßigkeiten sind spottbillig und fast immer und überall ohne Probleme erhältlich. Wow! Was ein geniales Zeug.

Zucker ist eine Droge!

Deine Arbeits-Unterzeile lautet: „Wenn er nur nicht so böse wäre“ - was meinst Du damit?

Süßigkeiten sind für fast jeden von uns seit eigenen frühesten Kindheitstagen ein heikles gesellschaftliches Thema. Wieviel ist gut? Ist es überhaupt gut? Wann ist es zu viel? Mein Sohn würde sich am liebsten nur von Süßigkeiten und Eis ernähren (dabei wird klar differenziert. Auch Schokolade ist eine eigen Kategorie, ebenso wie Kuchen und Kekse) und würde ich als verantwortungsvoller Vater nicht aufpassen, würde das sicher auch erstmal kurzzeitig gut gehen.

Wir wissen aber auch mittlerweile, dass es sehr schnell zu viel ist. Und dass wir immer mehr wollen als eigentlich gut für uns ist. Wir brauchen Süßigkeiten nie und nimmer mehr in unsere Ernährung. Klarer gesagt: Bei übermäßigem Zuckerkonsum sind Krankheiten und Fehlentwicklungen die Folge. Und übermäßig geht ganz schnell. Unser Körper hatte in seiner Menschheitsentwicklung keine Zeit sich auf den industriell hergestellten Zuckerwahnsinn einzustellen. Es ist zu viel für ihn und die Nebeneffekte sind gesundheitlich dramatisch.

Ursprünglich war es für uns Menschen wichtig, sich mit der satten Energie von Zucker aufzuladen, so viel wie eben gerade möglich war, wenn man an einem Strauch mit reifen Beeren vorbei neandertalte. Es war wichtig Zucker zu speichern und die Pölsterchen in schweren Zeiten zu nutzen, in denen es vielleicht weniger oder nichts zu essen gab.

Diese Zeiten sind seit einigen Jahrzenten vorbei. Fast jeder Mensch konsumiert zu viel Zucker in Form von Süßigkeiten ohne an die Konsequenzen zu denken. Das ist das große Manko an der Geschichte mit den Süßigkeiten: heiß geliebt aber auch schnell superböse.

übermäßiger Zuckerkonsum sind Krankheiten und Fehlentwicklungen

Um die Motive zu finden, hast Du Dich in einen monatelangen kreativen Prozess begeben - wie kann man sich das vorstellen?

Ich fand es sehr wichtig, mich, wie oben beschrieben, erst mal einem Zuckerschock zu unterziehen. Weniger dass ich es aß, aber das ich mich damit umgab und erste Ideen entstanden. Im Studio waren dann immer alle meine Sinne damit getriggert. Natürlich kam ich nicht drum rum auch immer wieder unbekannte Süßigkeiten zu probieren oder mich mit geliebten Sorten zu belohnen.

Auch meine Studiokolleginnen kamen regelmäßig, um sich den Arbeitstag versüßen zu lassen. Also spielte ich erstmal mit den Süßigkeiten. Das ist die zweitwichtigste Technik, die ich nutze, um mich einem Thema zu nähern. Einige Bilder entstanden dann schon direkt (zum Beispiel die ‘Wallpapers' und die ‘Kunstwerke’). In einem nächsten Schritt kamen mir dann immer wieder kritische Gedanken

Der tatsächliche Überfluss an Süßigkeiten in meinem Studio, der mich relativ (eigentlich viel zu) wenig gekostet hatte. Die vielen Verführungen von Farben, Gerüchen, Konsistenzen. Die ganze Theorie und Struktur der Süßigkeiten- und Zuckerindustrie erschreckte mich. Ernährungspädagogische Fragen, Erinnerungen an meinen eigene Kindheit, Mündigkeit der Gesellschaft über den eigenen Süßigkeiten-Konsum zu entscheiden, Zuckersteuer, wie in anderen Ländern schon längst praktiziert, um die gesundheitlichen Folgen des Missbrauches einzudämmen und aufzufangen… oh was ein Drama!

Und dann kam die Resignation: was wäre, wenn ich mir all diese schlechten und kritischen Gedanken zu diesem Wundermittel nicht machen möchte? Was wäre, wenn ich dieser Droge einfach freien Lauf ließe? Also einfach komplett mein Leben damit überrollen ließe? Bunte, leckere, wohlriechende, schöngeformte Süßigkeiten überall? Es als Droge komplett akzeptiere? Und schon ging es los und die wildesten Ideen fingen an zu sprudeln. Keine Limits mehr –wie genial!

Blumenstrauß aus Zucker

Es sind viele Ideen und Bilder entstanden - wie verwirft man ebenjene bzw. wie entscheidet man sich FÜR Motive?

Oh… das ist ein sehr persönlicher Prozess. Da bin ich mein eigener Kritiker und betrachte meine Bilder wieder und wieder. Manche Bilder finde ich schnell zu kurz gedacht, poppig, zu einfach oder direkt. Das kann mich schnell langweilen.

Andere Bilder will ich wieder und wieder anschauen und meine Gedanken zurückverfolgen. Und dann schaue ich aber auch gerne auf das ganze Ensemble an Bildern. Überlege, welche Position jedes einzelnde Bild im Kontext zu den andern haben soll und kann und frage mich, ob es alles hat was es dafür braucht, oder ob ich es noch mal komplettieren müsste?

So schaukelt sich jedes Bild immer wieder in eine neue Position im Edit der Ausstellung. Manchmal überlebt es das Geschaukele, manchmal nicht.

Zucker in Zahnpasta

Nach der intensiven Beschäftigung, hat sich Dein Verhältnis zu Zucker verändert bzw. wie denkst Du darüber?

Seit Jahren spiele ich in meiner Fotografie immer mal wieder mit Süßigkeiten. Da ich viel mit und für Kinder fotografiere ist diese Requisite kommunikativ meist nicht wegzudenken. Dadurch ist meine eigene Begeisterung vom Essen von Süßigkeiten langsam zur Nutzung als Requisit gewandelt.

Durch dieses Projekt wurde der Prozess in den letzten Monaten stark beschleunigt. Ich esse kaum noch Süßigkeiten und wenn dann nur in sehr kleinen Dosen. Denn hin und wieder ist so ein Zuckerkick auch wunderbar oder mein Körper fragt danach und dann gibt es einen kleinen Kick. Aber ungezügeltes Essen, wie es früher hin und wieder mal vorkam, gibt es kaum noch. Das fließt auch in die Erziehung meines Sohnes ein.

Grundsätzlich gibt es nur sehr wenig Süßigkeiten. Zu besonderen Anlässen oder in Ausnahmen dafür aber gerne auch mal übermäßig. Das ist eine Balance, die ich gut vertreten kann. Und Eis, sowie Schokolade oder Kuchen und Kekse bilden dabei natürlich eine Ausnahme.

Blumenwiese aus Süßigkeiten

Hast Du ein Lieblingsbild?

Die ‘Blumenwiese' ist für mich ein Bild, welches ich mir immer und immer wieder anschaue. Es hat eine so starke Perversität und zugleich Schönheit, die mich fasziniert. Das mag ich sehr.

Das Interview führte Edda Fahrenhorst per E-Mail
Website des Fotografen: https://www.janvonholleben.com/

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