Heute in Zingst

Die Bilder der Ausstellung "Der Garten des Oktopus" im Garten des Zingster Museumshofes erinnern an einen Garten aus Algen. Aber wie kommt der Fotograf Josh Westrich eigentlich an seine Algen-Modelle?

Häufig begegnet Josh Westrich die Frage, ob er selbst im Meer nach Algen taucht? Die Antwort lautet nein, denn er kann gar nicht tauchen. Wie aber kommt ein Fotograf – der nicht tauchen kann – wiederum an seine Modelle? Davon erzählt Josh Westrich im Interview.

Fotografie Zingst: Herr Westrich, wie sind Sie zur Pflanzen-Fotografie gekommen?

Josh Westrich: Seit meinem Examen an der Folkwangschule in Essen Mitte der 1980er Jahre beschäftige ich mich – neben meiner Tätigkeit als Werbefotograf – mit dem Fotografieren von Pflanzen, speziell von Blüten. Dies nicht im Freien sondern unter stets kalkulierbaren und kontrollierten Bedingungen, also ausschließlich im Fotoatelier.

Am Anfang ging ich ins Blumenfachgeschäft, um mir meine Modelle zu beschaffen. Auf die Dauer war das Sortiment aber doch etwas dürftig für die Befriedigung meiner Pflanzen-Passion, die sich inzwischen gebildet hatte. Mit der Unterstützung von Botanikern vom Botanischen Garten in Essen gelang es mir dann, eine größere Pflanzen-Diversität kennenzulernen. Echt interessant wurde es aber erst, als ich mich entschieden hatte, ganze Sammlungen von nur einer Gattung zu fotografieren. Ich informierte mich, welche Spezialgärtnereien solche Sammlungen beherbergen und kultivieren.

Fortan reiste ich mit einem transportablen Foto-Studio durch die Lande, richtete mir meist im Geräteschuppen der einzelnen Gärtnereien den Arbeitsplatz ein, beobachtete Tag und Nacht die Pflanzen, sprach mit den Blumen - auch mit den Gärtnern, präsentierte dort über Jahre hinweg die Bild-Ergebnisse und erhielt äußerst nützliche Kritik.

Was ist charakteristisch für Ihre fotografische Arbeitsweise?

Zur Gestaltung der Bilder erschien mir der Einsatz eines weißen Hintergrundes die erste Wahl. Nichts sollte von dem Motiv ablenken - die Zeichenhaftigkeit der Einzelblüte stand im Vordergrund. Außerdem war es äußerst ambitioniert einen weißen Hintergrund so zu fotografieren, dass er am Ende auch wirklich „weiß“ aussieht. Es waren ja noch analoge Zeiten – ganz ohne die Möglichkeit mit „Photoshop“ nachzuhelfen, der war noch gar nicht erfunden. Der Einsatz des weißen Hintergrundes wurde so mit den Jahren zum Erkennungsmerkmal meiner Arbeiten. Alle Bilder entstanden in Blitztechnik mit doppelter Lichtführung. Das meint, dass das Hauptmotiv und der Hintergrund separat ausgeleuchtet werden. Damit der Hintergrund „weiß“ wird, muss er mindestens 1,5 Blenden mehr Licht erhalten als das Licht auf dem Hauptmotiv – so einfach und doch so schwierig.

Im Laufe der Jahrzehnte entstanden so tausende von Bildern zu solch unterschiedlichen Themen wie: Historische Rosen, Türkenmohn, Magnolien, Christ- und Lenzrosen, Tulpen, Iris, Strauchpfingstrosen, Kamelien, Orchideen, Schneeglöckchen, Leberblümchen und natürlich auch - Veilchen. Dieses Thema war ein MUSS , heisst meine Frau doch Viola! Vor einigen Jahren fragte dann ein Gartenenthusiast bei mir an, ob ich mir auch ein Pflanzenthema „ohne Blüten“ vorstellen könnte. Er dachte an Farne! Die nächsten drei Jahre sollte ich nun Farne fotografieren – ein Wahnsinnsthema. Im vierten Jahr habe ich die wesentlichen Bilder zusammengestellt und einen berühmten Farn-Experten fürs Textschreiben gefunden – den Briten Martin Rickard. So entstand das Werk „hardy ferns“ – ein Buch über winterharte Farne.

…und wie kamen Sie dann zu den Algen?

Eine neue Schaffensphase begann durch die Beschäftigung mit der Abstraktion in der Pflanzendarstellung. Schon wenig später wollte ich diesen Abstraktionslevel noch toppen und kam so zum Thema Algen.

Vor ca. 2.5 Milliarden Jahren begannen blau-grüne Algen, sogenannte Cyanobakterien, Sauerstoff zu produzieren und reicherten damit die Atmosphäre an. Heute stammt jedes zweite Sauerstoffatom, was wir einatmen, aus der Photosynthese von Algen. Ohne diesen Entwicklungsschritt wäre das Leben, wie wir es heute kennen, gar nicht denkbar. Algen gehören zu den ältesten Pflanzen der Erde und es gibt mehrere hunderttausend Arten. Man unterscheidet Makroalgen – also für uns ohne Hilfsmittel sichtbare Algen – von Mikroalgen, die nur unter einem Mikroskop sichtbar sind. Makroalgen unterteilt man in Grün-, Rot- und Braunalgen. Einige dieser Arten können bis zu 40 Meter lang werden.

Woher haben Sie die Algen-Modelle für die Open-Air Ausstellung auf dem Zingster Museumshof?

Die in dieser Ausstellung gezeigten Fotografien entstanden in der Auseinandersetzung mit dem Thema bei Sichtung verschiedener Herbarien. An der Universität zu Köln erhielt ich Zugang zu dem Herbarium von Dr. Karl-Heinz und Dr. Gerlinde Linne von Berg. Es entstand in den 1970er Jahren bei Feldexkursionen in Roscoff in der Bretagne. Auch in der „Botanischen Staatssammlung München“ wurde ich fündig und bekam Zugang zu den Herbarien der Botaniker Dr. Werner Dietrich und Prof. Kurt Adolf Santarius (Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf) sowie Prof. Hans Rudolf Jürke Grau (Ludwig-Maximilians-Universität München).

Was ist ein Algen-Herbar? Und wie entsteht es?

Ich denke, dass die meisten von uns in ihrer Schulzeit im Biologieunterricht auch Pflanzen schneiden, pressen, sie bestimmen und dann in ein Album einkleben und beschriften mussten. So die einfache Erklärung - und hier nun auch eine differenziertere.

Als Herbar bezeichnet man eine Sammlung konservierter Pflanzen oder Pflanzenteile. Das älteste, noch erhaltene Pflanzen-Herbar stammt von Michele Merini aus dem Jahr 1545. Herbarien sind für die Botaniker bis zum heutigen Tag ein wichtiges Werkzeug. Sie nutzen es zu Dokumentationszwecken bei der Beschreibung neuer Sorten und Arten und zu wissenschaftlichen Zwecken wie z.B. Informationen über Verbreitung, Ab- oder Zunahme bestimmter Algenarten.

Der Vergleich von Herbarien verschiedener Regionen bringt Aufschluss über Form und Vielfalt einer Spezies. Des Weiteren ist Herbarmaterial geeignet für genetische Analysen.

Um eine Alge zu herbarisieren, wird sie vorsichtig auf einem Stück Papier aus dem Wasser an die Luft befördert und mit einem Pinsel sorgfältig auf dem Papier zurechtgelegt, so dass die botanischen Merkmale gut ersichtlich sind. Anschliessend wird ein Stück Nylon aufgelegt, um das Verkleben mit darüber gestapeltem Zeitungspapier während des Trocknungsprozesses zu verhindern. In einer Presse trocknet das Herbarblatt dann für einige Tage. Danach wird es sorgfältig mit Namen, Familie, Fundort und Funddatum beschriftet und ins Herbarium eingepflegt.

Ganz praktisch: Wie haben Sie die Algen-Herbare fotografiert?

Die Herbar-Motive befanden sich in Leitz-Ordnern im Format DIN A4. Teilweise waren bis zu sechs Pflanzen der gleichen Art auf einem Blatt zu finden. Die Original-Größe der gezeigten Algen schwankt zwischen einem und zwanzig Zentimetern. Die Algen auf dem Papier, ja fast „im Papier“, habe ich mit der Blitztechnik digital reproduziert. Besonderen Wert legte ich auf den großflächigen Einsatz des Lichtes. So schimmern die Schönheiten in jeder Ecke anders! Fotografiert wurde mit einer Canon EOS 5DSR, das Mörder-Digital-Teil mit einer Einzel-Dateigrösse von 50MB. Die Farben wurden etwas aufgehübscht und falls die schönen Zartheiten teilweise Bruchstellen hatten, wurden diese wieder zusammengeführt oder sinnvoll ergänzt.

Machen Sie weiter mit den Algen? Oder gibt es neue Pläne?

Allerhöchste Ehren für meine Algen-Bilder erhielt ich im Juli 2019 auf der „RHS London Botanical Art and Photography Show" durch Verleihung der RHS "Gold-Medal". Es handelt sich um die höchste Auszeichnung für botanische Fotografien, verliehen durch die grösste Gartengesellschaft der Welt, der britischen Royal Horticultural Society (RHS). Zusätzlich wurde ich mit dem Preis "Best Portfolio Photography Exhibit" ausgezeichnet.

Nach fast 40 Jahren "Pflanzenfotografie" ist es jetzt wohl geschafft und ich denke darüber nach, mir einen Bleistift zuzulegen!

Last but not least: Was verbinden Sie mit dem Umweltfotofestival »horizonte zingst«?

Natur – Wissensaustausch – Inspiration – Ästhetik – Umwelt – Meer – und noch mehr.

Die Ausstellung ist zu sehen vom 15.05.2021 bis 15.05.2022 auf dem Museumshof in Zingst.

Eine Vernissage ist unter den aktuell geltenden Abstands- und Hygieneregeln geplant.

Partner der Ausstellung: Epson und Filmolux

Das Interview führten Edda Fahrenhorst und Nina Hesse per E-Mail.

Webseite des Fotografen: www.flowercards.de

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